Markus Belz Redaktionsleiter

Veröffentlicht am: 31.08.2026

Waage mit den Vergleichswerten 77% und 50% zur Kanalisierung beim Online-Glücksspiel.

Kanalisierung beim Online Glücksspiel: 77% oder 50%?

Das Wichtigste in Kürze:
  • Eine Studie im Auftrag der Glücksspielbehörde beziffert den unerlaubten Anteil am Online-Markt auf 22,97% und damit die Kanalisierung auf 77,03%.
  • Der Deutsche Online Casinoverband hält das für zu niedrig gerechnet und verortet die echte Quote eher bei 50%.
  • Der Streit ist keine Statistik-Spitzfindigkeit, weil die Zahl in die Evaluierung des Glücksspielstaatsvertrags einfließt.

Zwei Messungen, ein Markt und ein Abstand von 27 Prozentpunkten. Genau das beschreibt die Lage beim wichtigsten Kennwert der deutschen Glücksspielregulierung. Die Kanalisierungsquote sagt, welcher Anteil des Online-Spiels bei lizenzierten und beaufsichtigten Anbietern landet. Fällt sie hoch aus, gilt der eingeschlagene Weg als erfolgreich. Fällt sie niedrig aus, wird aus derselben Regulierung ein Treiber des Schwarzmarkts. Beide Lesarten liegen aktuell auf dem Tisch.

Was die Glücksspielbehörde gemessen hat

Am 16. März 2026 stellte die Gemeinsame Glücksspielbehörde der Länder eine beauftragte Untersuchung vor. Durchgeführt hat sie das Blockchain Research Lab, der Endbericht trägt den Titel „Die Vermessung des Schwarzmarktes für Onlineglücksspiel in Deutschland“. Das Ergebnis liest sich für die Behörde günstig. Das Marktvolumen unerlaubter und nicht regulierter Angebote liegt demnach bei 22,97%, woraus sich eine Kanalisierungsquote von 77,03% ergibt. Legale Angebote machen also mehr als drei Viertel des Online-Marktes aus. Vorgestellt wurden die Zahlen einen Tag später beim 23. Symposium Glücksspiel der Universität Hohenheim.

Methodisch beruht die Arbeit auf einer Befragung von Glücksspielenden, ausgewertet über eine referenzwertbasierte Analyse. Befragt wurden rund 2.000 Personen, die in den zwölf Monaten davor online gespielt hatten. GGL-Vorstand Ronald Benter ordnete das Ergebnis so ein, dass die wissenschaftlich berechnete Quote die bisherigen Annahmen der Behörde zum Umfang des Schwarzmarktes bestätige. Zugleich dämpfte er die Erwartung an schnelle Erfolge mit dem Satz, der Kampf gegen illegales Online-Glücksspiel sei ein Marathon und kein Sprint. Die Befragung soll fortgesetzt werden, um Marktbewegungen über die Zeit zu verfolgen.

➡️ Willst du die Zahlen im Wortlaut der Behörde lesen, dann findest du sie in der Mitteilung der GGL zur Schwarzmarkt-Studie samt Kanalisierungsquote von 77,03%.

Warum der Casinoverband dagegenrechnet

Acht Tage nach der Veröffentlichung widersprach der Deutsche Online Casinoverband. Die Zahlen seien zu konservativ, der tatsächliche Wert liege deutlich näher bei 50%. Vizepräsident Simon Priglinger-Simader greift dabei vor allem die Erhebungsform an. Eine Stichprobe von 2.000 Befragten hält er für nicht repräsentativ, weil sie den harten Kern der Schwarzmarktnutzer kaum erfasse.

Schwerer wiegt sein zweiter Punkt, der in der Forschung Recall Bias heißt. Wer direkt gefragt wird, ob er bei illegalen Angeboten spielt, antwortet meist mit Nein, unabhängig davon, was er tatsächlich tut. Dazu kommt der Vorwurf, die Ergebnisse passten nicht zu den bekannten Steuerdaten.

Eigene Erhebungen abseits der GGL

Der Verband stützt sich auf eine eigene Datenlinie. Im November 2023 legten Gunther Schnabl und Taiki Murai von der Universität Leipzig im Auftrag des Casinoverbands und des Deutschen Sportwettenverbands eine Untersuchung vor. Sie verzichtete auf Selbstauskünfte und wertete stattdessen gemessenes Nutzungsverhalten aus. Grundlage war ein Nielsen Online Meter Panel mit rund 25.000 Personen und eine Liste von mehr als 700 Glücksspieldomains.

Für März 2023 kam die Arbeit auf eine Kanalisierung von 50,7%, wobei 28,9% der Nutzungen auf nicht lizenzierte EU-Anbieter und 19,9% auf Offshore-Angebote entfielen. Beim Umsatz fiel das Bild noch schärfer aus, dort verortete die Studie mehr als 75% der Bruttospielerträge im Schwarzmarkt. DOCV-Geschäftsführerin Julia Lensing brachte das damals auf die Formel, dass Verbraucher „jede zweite Minute“ im illegalen Markt ohne Spieler- und Jugendschutz verbringen.

➡️ Die Gegenposition des Verbands mit der Methodikkritik im Detail hat das Fachmedium iGaming Business aufgearbeitet, nachzulesen in der Analyse, warum der DOCV die GGL-Zahlen für zu konservativ hält und bei 50% landet.

Zwei Methoden, zwei Wahrheiten

Der Kern des Konflikts steckt in der Messung selbst. Eine Befragung fragt Menschen, was sie getan haben, und trifft damit auf Erinnerungslücken und auf den Wunsch, sich nicht selbst zu belasten. Ein Messpanel protokolliert Aufrufe von Internetseiten und kennt dieses Problem nicht, dafür sagt eine besuchte Seite nichts über die Höhe der Einsätze. Zwei Verfahren, die verschiedene Dinge zählen, kommen also zwangsläufig zu verschiedenen Ergebnissen. Genau deshalb reden beide Seiten von Kanalisierung und meinen doch nicht dasselbe.

Ein weiterer Punkt macht den Vergleich schwierig. Die Zahlen des Verbands stammen aus dem Frühjahr 2023, die der Behörde aus dem Jahr 2025. Ein aktualisierter Durchgang der Leipziger Auswertung mit Daten für 2025 war für Juni oder Juli 2026 angekündigt, samt überarbeiteter Liste illegaler Anbieter. Bis Ende August 2026 liegt er nicht vor. Solange fehlt der direkte Vergleich zweier Messungen aus demselben Zeitraum, und beide Seiten argumentieren mit Zahlen unterschiedlichen Alters.

Was die Vollzugsbilanz dazu beiträgt

Unabhängig vom Streit um die Quote hat die Behörde am 3. Juli 2026 ihren Tätigkeitsbericht für 2025 vorgelegt, und der liefert harte Vollzugszahlen. Der erlaubte Markt erreichte gemessen an den Bruttospielerträgen ein Volumen von 14,4 Milliarden Euro und blieb damit auf Vorjahresniveau. Geprüft wurden 2.263 Internetseiten, davon 1.337 wegen unerlaubter Angebote und 926 wegen Werbung dafür.

Die Behörde leitete 231 neue Verfahren gegen unerlaubtes Glücksspiel und 300 gegen dessen Bewerbung ein, dazu 287 Untersagungsverfahren. Am Ende waren 1.843 illegale Internetseiten wegen Untersagungen oder Netzsperren aus Deutschland nicht mehr erreichbar, bei 178 Seiten lief keine Zahlung über die gängigen Zahlungsdienstleister mehr.

Diese Zahlen zeigen Aktivität, taugen aber nicht als Beweis für die eine oder andere Quote. Sie beschreiben, was gefunden und abgeschaltet wurde, und nicht, was unentdeckt weiterläuft. Wie die Sperren technisch greifen sollen, haben wir im Beitrag dazu beschrieben, dass Netzbetreiber illegale Glücksspielanbieter sperren müssen.

Die Weltmeisterschaft als Stresstest

Einen Praxisabgleich lieferte der Sommer. Der Deutsche Sportwettenverband rechnete am 4. Juni 2026 für die Fußball-Weltmeisterschaft mit Wetteinsätzen von knapp einer Milliarde Euro aus Deutschland. Davon sollten 600 bis 700 Millionen Euro im regulierten Markt landen und 300 bis 400 Millionen Euro im Schwarzmarkt.

Der Verband verwies dabei auf Zahlen der Behörde, nach denen der Schwarzmarktumsatz zuletzt um 17% wuchs und damit schneller als der legale Bereich. Verbandspräsident Mathias Dahms nannte als Grund, dass illegale Anbieter „deutlich freier und uneingeschränkter werben“ können als regulierte Unternehmen.

Rechnet man die Prognose des Verbands auf eine Quote hoch, landet man bei etwa 60 bis 70% Kanalisierung für das Turniergeschäft. Das liegt zwischen den beiden Studienwerten und erinnert daran, dass sich Sportwetten und virtuelle Automatenspiele am Markt unterschiedlich verhalten. Eine einzige Zahl für den gesamten Online-Markt verdeckt diesen Unterschied.

Warum die Zahl politisch so schwer wiegt

Der Zeitpunkt macht den Streit brisant. Die Länder sind vertraglich verpflichtet, den Glücksspielstaatsvertrag bis Ende 2026 zu evaluieren, und die Behörde hat angekündigt, ihre Ergebnisse in dieses Verfahren einzubringen. Damit entscheidet die Deutungshoheit über die Quote mit darüber, welche Reformrichtung als belegt gilt.

Eine Kanalisierung von 77% stützt das Argument, der Kurs stimme und brauche nur eine bessere Umsetzung. Eine Quote um 50% stützt das Gegenargument, die Regeln seien so streng, dass sie Spieler aus dem legalen Angebot treiben. Wie dieses Prüfverfahren abläuft, steht in unserem Beitrag dazu, dass der Glücksspielstaatsvertrag 2026 auf den Prüfstand kommt.

Konkret hängen daran die Streitpunkte der Branche. Einsatzgrenzen, das anbieterübergreifende Einzahlungslimit, die Fünf-Sekunden-Regel bei Slots, Werbebeschränkungen und die Frage, ob weitere Spielformen erlaubnisfähig werden. Jede dieser Schrauben lässt sich mit der einen Quote begründen und mit der anderen ablehnen.

Was das für dich als Spieler bedeutet

Für deine eigene Entscheidung ist die Quote zweitrangig, aber die dahinterliegende Erkenntnis ist wichtig. Beide Studien sind sich einig, dass ein erheblicher Teil des Online-Spiels in Deutschland außerhalb der Aufsicht stattfindet, und sie streiten nur über die Größe.

Auf einer unerlaubten Seite greifen weder das Sperrsystem OASIS noch das Einzahlungslimit noch eine Beschwerdestelle, die dir bei einer verweigerten Auszahlung hilft. Wer zusätzlich wissen will, wie viele Menschen sich selbst aus dem Spiel nehmen, findet die Größenordnung im Beitrag zur OASIS-Spielersperre mit über 300.000 eingetragenen Personen.

Praktisch heißt das, vor der Anmeldung die Whitelist der Behörde zu prüfen. Dort steht, wer für den deutschen Markt eine Erlaubnis besitzt. Fehlt ein Anbieter darin, gehört er zu genau dem Anteil, über dessen Größe hier gestritten wird. Ein Geheimtipp ist er damit nicht.

Wie es weitergeht

Drei Termine bestimmen die nächsten Monate: Die aktualisierte Leipziger Auswertung könnte den direkten Methodenvergleich liefern, sobald sie erscheint. Die Behörde setzt ihre Befragung fort und wird damit eine zweite Messung aus derselben Reihe vorlegen. Und die Evaluierung der Länder muss bis Ende 2026 stehen.

Erst danach verhandeln die Länder einen neuen Staatsvertrag, der durch alle 16 Landtage müsste, weshalb ein Inkrafttreten realistisch erst 2028 in Betracht kommt. Neue Entwicklungen sammeln wir in unserem Themenbereich Gesetz.

➡️ Die Prognose des Sportwettenverbands mit der Aufteilung zwischen legalem Markt und Schwarzmarkt liest du in der DSWV-Mitteilung zu knapp einer Milliarde Euro Wetteinsätzen zur Fußball-WM 2026.

Markus Belz - Redaktionsleiter bei onlinecasinosdeutschland.de
Markus Belz Redaktionsleiter bei
Markus Belz, geboren 1984 in Berlin, ist Redaktionsleiter bei onlinecasinosdeutschland.de und lebt in Frankfurt. Er liebt Radfahren, Fußball und Poker. Seine Leidenschaft für Glücksspiele begann in Las Vegas. Seit 2012 im Team, leitet er es seit 2014. Mit seinem Motto „Jeder ist seines Glückes Schmied“ liefert er verlässliche Infos über Online Casinos.
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